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Trägerin:
Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL)

Tagungsbericht "Vitale Zentren in Klein und Mittelstädten" am 05.04.2017 in Dinkelsbühl

Die Einzelhandelslandschaft hat sich in den letzten Jahren in struktureller und räumlicher Hinsicht stark verändert. Während die Innenstädte der Groß- und Metropolstädte einen regelrechten Boom erleben, haben Klein- und Mittelstädte häufig das Nachsehen. Leerstehende Ladenlokale, rückläufige Passantenfrequenzen sowie Modernisierungsrückstände im baulichen Bestand sind als Folgen bereits vielerorts im Stadtbild sichtbar.

Welche Entwicklungspotenziale bestehen für die Innenstädte von Klein- und Mittelstädten und welche Möglichkeiten haben vor diesem Hintergrund Kommune, lokale Wirtschaft und die Stadtgesellschaft diese zu nutzen und die Innenstadt als zentralen und lebendigen Mittelpunkt der Stadt zu sichern und neu zu beleben?

Diesen und weiteren Fragen haben sich Dr. Donato Acocella, Inhaber des Planungsbüros Dr. Donato Acocella Stadt- und Regionalentwicklung, Dr. Olaf Heinrich, Erster Bürgermeister der Stadt Freyung, Jens Imorde, Geschäftsführer der Imorde Projekt- und Kulturberatung GmbH, Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur und Christian Kuhlmann, Baubürgermeister der Stadt Biberach an der Riß im Rahmen der Fachtagung „Vitale Zentren in Klein- und Mittelstädten“ des Instituts für Städtebau und Wohnungswesen in Kooperation mit der Bundesstiftung Baukultur am 05.04.2017 in Dinkelsbühl gewidmet.

Attraktivität durch Nutzungsvielfalt

Die Fachtagung hat unterschiedliche Ansätze aufgezeigt. Es wurde deutlich, dass der Einzelhandel als innerstädtische Leitfunktion zwar nach wie vor den wichtigsten Faktor für die Vitalität von Zentren darstellt, die Innenstadt jedoch nicht allein als Raum für den Einzelhandel gesehen werden kann. Ihre Attraktivität kommt vielmehr durch Nutzungsüberlagerungen zustande. Die Innenstadt sollte als funktionaler Ort zur Bündelung von Einzelhandel, Dienstleistungen, Gastronomie, öffentlichen Einrichtungen sowie Kultur und weiterer zentraler Funktionen genutzt werden. Um diese Mischung in der Innenstadt zu sichern und eine Entfunktionalisierung, wie sie vielerorts bereits stattfindet, zu verhindern, ist es von entscheidender Bedeutung, die Entwicklung, insbesondere des Einzelhandels, außerhalb der Innenstadt durch eine sinnvolle kommunale Steuerung einzuschränken und in der Innenstadt die Voraussetzungen für die Entwicklung eines ausgewogenen Branchen- und Nutzungsmix zu schaffen. Hierbei ist zu beachten, dass eine sinnvolle Entwicklung des Einzelhandels nur unter Berücksichtigung der vorhandenen ökonomischen Potenziale, maßgeblich bestimmt durch die Kaufkraft der Einwohnerschaft in der jeweiligen Kommune und im Marktgebiet, erfolgen kann.

Maßstäblichkeit wahren und Synergieeffekte schaffen

In Bad Münstereifel wurde vor knapp zwei Jahren vor dem Hintergrund einer hohen Leerstandsquote im innerstädtischen Einzelhandel, mit dem Ziel die Innenstadt neu zu beleben und zu stärken, das erste innerstädtische City-Outlet in Deutschland entwickelt. Anhand dieser Entwicklung zeigt sich, welche Auswirkungen eine Überzeichnung des Maßstabs in der Einzelhandelsentwicklung haben kann. Hintergrund ist die hohe, tendenziell maßstabsprengende Verkaufsflächenausstattung, die das Handelsformat Factory Outlet Center (FOC) zur Gewährleistung einer betreiberseitigen Rentabilität langfristig erfordert. Die Innenstadt einer Klein- und Mittelstadt kann die hierfür notwendigen Flächen i.d.R. nicht zur Verfügung stellen – so auch in Bad Münstereifel. Demzufolge wurde das City Outlet um zusätzliche Shops außerhalb der Innenstadt erweitert – eine weitere Ausbaustufe, ebenfalls außerhalb der Innenstadt, ist in Planung. Diese Entwicklung sprengt sowohl den wirtschaftlichen Maßstab und lässt andererseits vermuten, dass die Einzelhandelsflächen außerhalb der Innenstadt über kurz oder lang die Verkaufsflächengröße der Innenstadt übersteigen und diese in ihrer Struktur und Funktion erneut stark schwächen.

Ein anderes Bild und eine überzeugende Alternative zu größerflächigem Einzelhandel zeigt der Innenstadtentwicklungsprozess in der Stadt Freyung im Bayerischen Wald. Hier ist es mit Unterstützung der bayerischen Städtebauförderung (Förderprogramm „Ort schafft Mitte“) neben der Umsetzung städtebaulicher Maßnahmen gelungen, in Zusammenarbeit mit lokalen und regionalen Investoren, die Versorgung und vor allem die Nutzungsvielfalt in der Innenstadt zu stärken und Synergieeffekte zu schaffen. Neben einem attraktiven Stadtbild, neuen Magnetbetrieben im Einzelhandel und einem Multiplex-Kino wurden bewusst weitere, den Einzelhandel komplementär ergänzende, zentrale Einrichtungen von der Kommunalpolitik gefördert und angesiedelt. Die neue Attraktivität der Innenstadt hat außerdem zur Folge, dass nun vermehrt Wohnhäuser in der Innenstadt saniert werden und die Funktion Wohnen in der Innenstadt gestärkt wird.

Innenstadt als identitätsstiftender Ort

Neben der Funktion als Knotenpunkt zentraler Nutzungen, stellt die Innenstadt einen wichtigen Identifikationsort und Treffpunkt für die Stadtgesellschaft dar. Jede Innenstadt verfügt  über individuelle Qualitäten die als Identität erkannt, kommuniziert und im Zusammenhang mit der Stärkung der Innenstadt weiterentwickelt werden müssen. Anhand des Projektes „Biberach weiterbauen“ wurde aufgezeigt, dass historische Stadt- und Gebäudestrukturen in diesem Zusammenhang nicht als Entwicklungshindernis, sondern als besondere Chance für die Entwicklung der Innenstadt zu verstehen sind und das mit dem Einsatz der richtigen städtebaulichen Instrumente, von abgestimmter Masterplanung bis zum Bauantrag im Einzelfall, sowie einer intensiven auf den Alltag bezogenen Zusammenarbeit von Kommune, Gewerbetreibenden und Eigentümern, bestehende baukulturelle Qualitäten bewahrt und weiterentwickelt werden können. Ziel sollte es sein, die baukulturelle Identität der Innenstadt zu erhalten, sensibel zu schützen und in ihrer Struktur gleichzeitig kreativ an moderne Nutzungsanforderungen anzupassen.

Strategische Konzepte und gemeinsame Handlungsansätze

Die Fachtagung hat gezeigt, dass nachhaltige Einzelhandels- und Innenstadtentwicklung nicht auf der Basis von schnellen Lösungen oder unter Anwendung von Patentrezepten erfolgen kann, sondern eine auf den jeweiligen Ort bezogene, konzeptionelle Grundlage mit strategischen Zielsetzungen und Visionen erfordert. Trotzdem sollten anstehende, die Innenstadtentwicklung betreffende Entscheidungen zügig getroffen werden. Offene Entwicklungsperspektiven sind Gift für wirtschaftliches Handeln und führen tendenziell ebenso zu Investitionsstau wie zu künstlichen, nicht notwendigerweise aus allgemeinem Strukturwandel resultierenden Leerständen.

Die Innenstadt ist als individueller und gleichzeitig lebendiger Organismus zu verstehen, dessen Stärkung von der Kommune gemeinsam mit allen hier bedeutsamen Akteuren sowie potenziellen Investoren auf der Basis maßgeschneiderter Handlungsansätze erfolgen sollte. Um die unterschiedlichen Akteure und Interessen zu bündeln und Vertrauen zu schaffen, empfiehlt sich als Schnittstelle zwischen öffentlichen, privaten und externen Akteuren der Einsatz eines qualifizierten, speziell auf die Innenstadt fokussierten Citymanagements.